Wir wissen in der Tat nicht sehr viel über Ernst Schmole, denjenigen, der im Oktober 1880 an der Stelle, an der die Lange Straße in die Dohnaische mündet, eine Kolonialwarenhandlung mitsamt Kaffeerösterei und Fruchtsaftpresse eröffnete. Es existieren keine überliefteren Fotografien oder Dokumente von vor 1920.

So beginnt unsere Geschichte sich erst im Jahr 1923 mit Leben zu füllen. Ernst Schmole ist zu diesem Zeitpunkt bereits ein gealterter, nicht sehr wohlhabender Mann. Er überträgt im November das Geschäft an seinen Lehrling, eingestellt gerade erst nach Kriegsende, ausgebildet zum Handelskaufmann, und binnen kürzester Zeit zum Geschäftsleiter herangereift – möglicherweise ein von Beginn an beabsichtigter Werdegang – vielleicht auch nur eine glückliche Fügung. 1923 ist das Jahr der großen Inflation: Kostete eine Briefmarke 1919 noch 10 Pfennig, waren es im November 1923 schon 10 Milliarden Mark. Nicht viele Geschäfte haben das überlebt.

Auch wenn wir nie wissen werden warum, ob nur von Alters her oder wegen der massiven Geldentwertung, sicher ist, dass im Januar 1924 einem gewissen Herrn Arno Häntzschel die städtische Erlaubnis zum Vertrieb von „Kolonialwaren und Landesprodukten“ erteilt worden ist. Der ehemalige Geschäftsleiter hatte die besten Empfehlungen von Ernst Schmole mit auf den Weg bekommen. Sein Arbeitszeugnis bescheinigt ihm „unermüdlichen Fleiß, vorbildliche Treue und ein urgroßes Interesse am Geschäft“.

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Arno Häntzschel mit Gattin Hilde, Sohn Siegfried und Vorbesitzer Ernst Schmole (v.l.n.r.) zum 50jährigen Jubiläum 1930.

Häntzschel führt das Geschäft ab jetzt zu nie erreichter Größe; in den Dreißiger Jahren lässt er das marode Stammhaus grundauf sanieren, er stellt weitere Mitarbeiter ein, während des Zweiten Weltkrieges verkauft er anstelle von Kaffee – den es im Deutschen Reich nicht gibt – Waren des täglichen Bedarfs. 1947 stellt er den gerade 16jährigen Lothar Petasch ein (dieser soll noch eine wichtige Rolle spielen). Bevor sein Betrieb in den 1970er Jahren verstaatlicht wird, beliefert die „Großrösterei Ernst Schmole Nachfolger“ den ganzen Landkreis und Teile Dresdens – am Tag werden nun durchschnittlich 1.200 Kilogramm Kaffee gebrannt. Zum Vergleich: Heute erreichen wir das im ganzen Monat.

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Außenansicht des Stammhauses, um 1960

Zwischen Inflation, Krieg und Verstaatlichung begegnet Pirna auch mehreren Flutkatastrophen: 1953 strömt die Gottleuba, ein westlicher Zufluss der Elbe, kniehoch durch die Dohnaische Straße, die übrigens dieser Tage noch für den Straßenverkehr geöffnet war. In den folgenden Tagen ist die Altstadt nur noch mit der Gondel befahrbar.

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Behelfsweise errichten Helfer und Armee Stege und Kanäle für Gondeln, hier im Blick die Lange Straße ostwärts.

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Die Eisenbahnbrücke vor der Elbe wird völlig unterspült und bricht ein – das eigentliche Provisorium aus Stahl steht bis zum Jahr 2014 (oben: Sicht vom Elbeparkplatz).

Nach der Zwangsenteignung in den 70ern führt Häntzschel das Geschäft als Kommissionär weiter. Sein alter Röstmeister Petasch macht sich mit einem eigenen Gemischtwarenhandel in Heidenau selbstständig. Vorerst gibt es keinen Pirnaer Kaffee mehr, die verkauften Sorten stammen aus fremden Röstereien.
Trotz aller Widrigkeiten hält Arno Häntzschel die Zügel für recht genau 60 Jahre in der Hand, bis er 1984 in hohem Alter verstirbt. Der vermutlich letzte verbliebene Erbe Jochen, sein Enkel, gibt das Geschäft noch im gleichen Jahr ab an einen der erfahrensten Mitarbeiter: Lothar Petasch.

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Ab der Wiedervereinigung gibt es wieder Kaffee aus Pirna: mit einer 4 kg fassenden Rösttrommel röstet Petasch die Premium-Mischung, eine der bis heute beliebtesten Sorten, außerdem den kräftigen Schmole-Espresso, damals schon aus 100% Arabica- Bohnen, einem Qualitätsmerkmal, mit dem erst Jahre später geworben wird.

Des Alters wegen wollen die Petaschs im Jahr 2000 aufhören, doch sie finden keinen Nachfolger. Das Traditionsgeschäft droht zu vergehen. Gegenüber arbeitet seinerzeit Birgit Hanke. Aus Liebe zur Sache übernimmt die gelernte Köchin den Laden und führt ihn bis heute in nunmehr vierter Generation fort.

In leidlicher Erinnerung verbleibt das schwerste Hochwasser der Elbe seit 1845. Wie bereits 50 Jahre zuvor steigt der Pegel der Gottleuba binnen weniger Tage extremen Regens über alle Erwartungen, bis sie schließlich hüfthoch durch die Fußgängerzone rast. Bereits nach zwei Tagen beginnen die Aufräumarbeiten – die meisten Händler und Bewohner wurden völlig überrascht, die Schäden sind entsprechend hoch. Zeitgleich steigt der Elbepegel drastisch. Drei Tage nach der Gottleuba erreicht nun die Elbe die Dohnaische Straße – abermals völlig unerwartet, und so hoch wie niemals zuvor: am 17. August 2002 steht das Wasser rund 2,70 Meter hoch (!) im Erdgeschoss vom Laden.

Insgesamt steht die Innenstadt im August 2002 eine volle Woche lang unter Wasser. Die Schäden sind immens. Allein dank der Hilfe derer, die geholfen haben zu entsorgen, zu reinigen und zu spenden, daneben der finanziellen Hilfe des Bundes (2002 war übrigens ein Wahljahr) und der Sächsischen Aufbaubank kann das Geschäft im Herbst wieder öffnen, ab jetzt mit der neuen Pirnaer Mischung, einer Widmung an alle Helfer, ob von nah oder fern. Diese Kaffeesorte sollte sich in den kommenden Jahren zur beliebtesten entwickeln.

Die nächste schwere Flut hat leider nicht lange auf sich warten lassen: Im Frühjahr 2006 veranlassen Regen- und Tauwasser die Elbe zu einem schnellen Anstieg. Dieses Mal sind die Vorkehrungen deutlich besser. In der ansonsten evakuierten Innenstadt halten Wände aus Platten, Sandsäcken und Bauschaum die Gebäude innen trocken, ein Dieselmotor sichert die Stromversorgung, damit die Pumpen Tag und Nacht laufen können. Trotz knapp hüfthohem Wasserstand vor der Haustür können Waren und Möbel vor der Havarie bewahrt werden.

Das war auch nötig: Kurz zuvor noch hatte der Laden dank Wanddurchbruch eine nahezu Verdopplung seiner Fläche erfahren, im gleichen Jahr wurde die zu kleine Rösttrommel von 5 kg gegen eine baugleiche, aber neue Probat-Maschine mit 12 kg Füllmenge angelegt, wodurch dem gestiegenen Bedarf an frischem und handwerklich gemachtem Röstkaffee Rechnung getragen werden konnte. Bis zur noch einmal wesentlichen Vergrößerung durch das Weinhaus im Herbst 2010 haben fünf weitere Vollzeitkräfte ihren Platz bei Schmole gefunden…

Den Fortgang der Geschichte bestimmen Sie mit.